Das gemeinsame Sorgerecht bei Scheidung

Solange die Eheleute zusammenleben, macht sich keiner von beiden darüber Gedanken, wo die Kinder leben, welcher Elternteil es wann sehen kann oder wer die alltäglichen Entscheidungen trifft. Im Idealfall handeln beide in Übereinstimmung in allen Fragen, die die Kinder betreffen. Diese Situation ändert sich schlagartig, wenn sich einer der Eheleute oder sogar beide mit dem Gedanken der Trennung beschäftigen. Dann steht plötzlich alles in Frage und eine ganz große Frage steht häufig über allem, nämlich die nach dem Sorgerecht. Wer soll das Sorgerecht für das oder die Kinder bekommen.

Nun früher bedeutete eine Scheidung für die Kinder, dass sie einem Elternteil zugesprochen wurden. Das Familiengericht hatte eine Entscheidung zu treffen und das Sorgerecht einem der Eltern zu übertragen. Das ist heute anders. Es ist gesetzlich geregelt, dass beide Eltern auch nach der Scheidung gemeinsam die elterliche Sorge ausüben. Das soll der Normalfall sein. Für die Kinder ist es im Übrigen das Beste, wenn sich die Eltern nicht über das Sorgerecht oder den Umgang streiten. Kinder leiden ohnehin im Scheidungsverfahren am meisten. Sie als Eltern sollten alles unternehmen, um von Ihren Kindern den mit der Scheidung verbundenen Stress fernzuhalten. Für die Kinder stellt es eine enorme Belastung dar, die häufig mit einer Trennung verbundenen Streitigkeiten mitzuerleben.

Dabei wissen viele nicht, dass das gemeinsame Sorgerecht im täglichen Leben keine so große und wichtige Rolle spielt, wie es die meisten Eltern annehmen. Das gemeinsame Sorgerecht umfasst das Zustimmungserfordernis zu Operationen, zur Religionswahl, bei einer Entscheidung über einen Schulwechsel, bei der Eröffnung oder Schließung eines Kontos bzw. bei Entscheidungen zu Geldangelegenheiten allgemein. Solche Entscheidungen stehen nicht jede Woche an.

In den Angelegenheiten des täglichen Lebens kann der Elternteil entscheiden, bei dem sich die Kinder gewöhnlich aufhalten, und zwar auch dann, wenn das gemeinsame Sorgerecht besteht. Angelegenheiten des täglichen Lebens sind etwa Besuche bei Freunden, Teilnahme an Sportveranstaltungen, Entschuldigungen in der Schule im Krankheitsfall, die Hausaufgaben, der Besuch von Nachhilfeunterricht, Taschengeldzahlungen, Kleidungsfragen, normale Arztbesuche bei leichten Erkrankungen und Impfungen.

Derjenige, bei dem die Kinder nach der Trennung oder Scheidung gewöhnlich leben, muss sich deshalb nur bei wirklich wichtigen Entscheidungen mit dem Expartner bezüglich der Kinder einig sein. Wann sich das Kind mit welchen Freunden trifft, was es anzieht, wann es die Hausaufgaben macht, ob es Fernsehen darf oder Süßigkeiten naschen, das bestimmt immer der Elternteil, bei dem sich das Kind in diesem Moment aufhält.

Im Übrigen können auch nicht miteinander verheiratete Eltern das gemeinsame Sorgerecht beantragen. Sie müssen dafür lediglich eine beurkundete Erklärung, dass sie zukünftig gemeinsam für das Kind sorgen wollen, abgeben. Das können Sie bei einem Notar oder kostenlos beim zuständigen Jugendamt schon vor der Geburt des Kindes tun. Zusammenwohnen müssen die Eltern dafür nicht. Auch wenn sich die Eltern dann irgendwann einmal trennen, bleiben sie weiterhin gemeinsam sorgeberechtigt, solange keiner das alleinige Sorgerecht beantragt. Ohne eine solche öffentliche beurkundete Erklärung bleibt die unverheiratete Mutter allein sorgeberechtigt, unabhängig davon, ob sie mit dem Vater zusammenlebt oder nicht.

Ob Sie nun verheiratet sind, getrennt lebend oder geschieden sind, als Eltern sollten Sie sich auch Gedanken über die Frage machen, wer das Sorgerecht für die Kinder ausüben soll, falls Ihnen einmal etwas zustößt. Das Sorgerecht können Sie beispielsweise in einem eigenhändigen Testament im Zusammenhang mit der Bestimmung eines oder mehrerer Erben regeln. Wer keine schriftliche Erklärung in einem Testament bezüglich des Sorgerechts hinterlässt, muss damit rechnen, dass das Jugendamt entscheidet, wie die Kinder weiter versorgt werden. Denn das Sorgerecht geht nicht automatisch an nahestehende Verwandte wie etwa die Großeltern über. Das Jugendamt könnte sich auch für eine Pflegefamilie oder Heimunterbringung entscheiden.

Es ist wichtig, dass Sie die Entscheidungen im Zusammenhang mit dem Sorgerecht immer nur zum Wohl Ihrer Kinder treffen. Wenn Sie sich hier nicht sicher sind, lassen Sie sich von dem für Sie zuständigen Jugendamt oder einem Rechtsanwalt in Ihrer Nähe beraten.